Als 1946 Winston Churchill seine Idee von Vereinigten Staaten von Europa lancierte, war es noch eine Idee. Eine große Bruderkette der Nationen, hätte er wohl freimaurerisch gesagt, es war eine Vision. Sie begann als Regulierungsorgan der notwendigsten Handelsrohstoffe Eisen und Stahl, als Montanunion, und mündete zunächst in einen klassischen multilateralen Vertrag 1955 in Rom. Mehr war von der Generation nicht zu erwarten, die in Begriffe wie Erbsünde (der Deutschen) und Revanche hineingeboren war. Der General De Gaulle, der seine urpersönliche Rechnung mit Großbritannien begleichen wollte, hielt diese Großmacht außer europäischer Reichweite, man blieb bei der Europe des Nations, dies völlig im Einklang mit einer Bevölkerung, die dies- und jenseits der Maginot-Linie gesessen hatte.

Das waren noch Zeiten!

Europa wuchs auf zwei Böden: als Ententezustand zwischen Staaten und als entstehende Großnation. Daraus wuchs ein äußerst kompliziertes Gebilde:

– Ja, es gibt das von allen Europäern direkt gewähltes Europäische Parlament. Aber vertue man sich nicht: Neben der Einteilung der MdEP’s nach politischer Richtung gibt es noch die nach Herkunftsländern,

– Ja, es gibt eine “Regierung”, genannt Kommission, derweil sogar einen “Staatsoberhaupt” und eine für ihren Immobilismus so langsam berüchtigt gewordene “Außer-Superministerin”, aber für den Bürger sitzt sie sehr weit weg,

– Nein, Europa ist kein Land, und heute wüsste Henry Kissinger zwar, wen er anzurufen hätte, um Europas Meinungen zu spezifischen Fragen zu bekommen, aber es ist anzunehmen, dass Obama Paris und Berlin anwählt, nicht unbedingt Brüssel, außer für die Ausführungsmodalitäten und die praktischen Fragen.

– Europa ist kein Bundeskontinent, denn die Einzelparlamente in den EU-Ländern beschließen immer noch über Finanzen, Steuer, Außenpolitik und über alles souverän, was subsidiarisch ist, d.h. alles, wofür eine Lösung auf Regionalebene gefunden werden kann.

– Europa zeigt noch die Narben seiner Erweiterung: die Grenzen zwischen den Gründer- und den Südländern, die Grenzen zwischen West- und Osteuropa, die Grenzen zwischen dem angelsächsischen Verständnis und dem Rest Europas und schließlich die feine Grenze zwischen Skandinavien, in den skandinavischen Sprachen wird es mit “i Norden” umschrieben, und Kern-Westeuropa. Ihr Beharren an der Landeswährung ist Zeichen ihrer distanzierten Haltung zur europäischen Plattwalzung… Sej nej, mens du kan! Die Dänen artikulierten es scharf…

– Osteuropa hatte andere Bedenken: Nicht nur, dass viele eigentlich der Meinung waren, nach 60 Jahren “Union” etwas Freiheit und Nationalstolz gut täte, sondern etliche Länder hatten ach zwei Herzen in ihren Brüsten, denn sicher schuldfrei aus der Geschichte waren diejenigen ausgegangen, die logischerweise nicht dabei gewesen waren, die aber Geld hatten und nun an Einfluss gewannen: Die Onkels aus Amerika! In zwei baltischen Staaten haben sie sogar den Staatsoberhaupt gestellt, und ich erinnere, dass Litauen gerade eine gewisse Diplomatin an die Spitze der NATO-Vertretung schickte, weil sie auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Für Balten ist Europa vor allem die Sicherheit, auch der NATO anzugehören, die Schmerzen der Jahre 1990 sitzen tief, die nordostpreußische Enklave wird als Bedrohung empfunden.

Und dann auch noch die Aussichtslosigkeit von Gebieten wie Ostlettland, aber auch die völlige Unterbezahlung (Durchschnitteinkommen um die 300 – 400 Euro) treiben zur Flucht, und in den Köpfen der Menschen wiegt das durchbürokratisierte Europa nicht schwer: Die weiten Flächen in “Usa” und Australien riechen viel mehr nach Freiheit und Neubeginn. You dare it, you can it, you get it – don’t worry, be happy!

Wem es noch schlechter geht, wirklich nichts zu verlieren hat, der füllt klapperige Kleintransporter gen Westen und landet möglicherweise irgendwo zwischen dem Bois de Boulogne und der Reeperbahn… Denen brauchen Sie nicht mehr mit Moral, Gerechtigkeit und staatliche Ordnung zu kommen. Die öffnen dann allenfalls ihre Schnäbel, strecken die Gliedmaßen nach hinten und sagen bloß noch “Fütter mich mal!”. Eben, erst das Fressen, dann die Moral. Wenn eine für ihre Zugsucht bekannte Bevölkerungsgruppe dies nun auf Massenbasis tut, weil in ihrem Aufenthaltsland die Armen sich auf die noch Ärmeren abreagieren, dann wird es, ob es die Gutmenschen in Frankreich oder anderswo schnallen oder nicht, zu einem Problem der öffentlichen Ordnung: Kinder, die stehlen, weil in ihrem Verständnis mit der Zeit Diebstahl als bloß informellen Besitzwechsel empfunden wird, will ich gerne an die Hand nehmen und zu besseren Gedanken – lies: zu einer vernünftigen Erziehung – heranführen (und eigentlich müsste es gelingen!), aber die Bevölkerung stellt für sesshafte Einheimische und bodenständige Wähler halt ein Problem dar, das man à la Rote Kirche durch Aktionismus, Psycho- und Soziogisierung, gut gemeinte Appelle und frohe Hoffnungsbekundungen nicht wegtuschen darf.

Normalerweise ist ein Volk gastfreundlich. Es bleibt es auch, wenn die Werte stimmen (die vielen Bootpeople-Vietnamesen hierzulande beweisen, dass es geht!).

Bei den suzzesiven Beitritten kamen jeweils deutliche Warnung hinsichtlich der wirtschaftlichen Beständigkeit der Beitrittskandidaten. Eigentlich fing es gleich mit Italien an, dann war vor allem Portugal und in minderem Maße Spanien dran, und bei Griechenland wurde Europa so richtig vorgeführt!

Gerade in der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Harmonierung innerhalb der Euroländer – und wohl als Vorübung – musste schenell eine Einheitswährung her.

– Die Bevölkerungen haben diese innerlich nicht akzeptiert und, wo die Umrechnung nicht auf der Hand liegt (etwa Deutschland oder die Niederlanden: 1:2 bzw. 1:2,2), blieb die Bevölkerung dabei, sich in der alten Währung dumm und dämlich umzurechnen, “um sich ein wahres Bild des Betrags” zu machen. Zwei Hauptgründe dafür: Bis dato wurde die nationale Währung als Garant für nationale Identität gesehen, dass Fürstenköpfe oder sonstige Nationalsymbole nun wegbleiben, zugunsten für den Bürger nichssagender Symbole, will der Mensch nicht schlucken, zumal er das für ihn unwidersprechliche Gefühühl hat, bei der Währungsumstellung hat die Wirtschaft die Gelegenheit wahrgenommen, um die Preise kräftig hochzutreiben. Und überhaupt, der Bürger “kotzt” den Euro: Er hat ihn nicht gewollt, es hat ihm nichts gebracht, die Kosten sind ihm stiekum doch aufgebürdet worden, und seitdem der Euro da ist, meint “Brüssel”, den Banken aus “der Not” zu helfen, ohne Rücksicht darauf, ob auch der Bürger nicht in Not ist – und die steigende Nachfrage nach den Diensten von Ernährungsbanken spricht über die Verlotterung der sozialen Lage eine deutliche Sprache…

Die Ökonomie kennt im Allgemeinen einen Vierjahreszyklus. Den gibt es seit ca. 16 Jahren nicht mehr, weil irgendetwas den fälligen Aufschwung verhindert. Nach den Subprimes kommen die Rezessionen beiderseits des Großen Teichs unter stätigem Wachsen der BRICS-Länder, deren Bilanz wiederum wirklich bedenklich ist.

– China. Offiziell ein Entwicklungsland, dem Frankreich derzeit noch über 270.000 Euro ohne Gegenleistung zuschustert. Vor etwa einem Jahr kamen die chinesischen Macher nach Paris und wurden vom Hausherrn des Elyséepalast liebedienerisch bei ihrem Wirtschaftshopping chauffiert!

Heute, wo langsam klar ist, dass der Euro auf tönernen Füßen steht, wo die EU-Randländer am liebsten aus der Eurozone scheren sollten, es aber “so” nicht mehr können, weil die gegenseitigen Abhängigkeiten es nicht mehr erlauben, winken dieselben Pekinger Herrschaften mit, sagen wir’s diplomatisch, wahrlich morgenländischem Demokratieverständnis, Machthaber über ein über 1 Milliarden Menschen zählendes Entwicklungsland, mit breitem Lächeln und 2,2 Billionen Euro Cash-Reserven im Rücksack… die zum Teil aus

– Handelsbilanzüberschüssen mit europäischen Ländern (nun, das lässt sich ja noch buchhalterisch ausgleichen) und, weniger stabilitätsversprechend

– amerikanische Schuldschreibungen bestehn. Nun ja, Schuldschreibungen sind halt, was sie sind: Wenn der Ausschreiber nicht mehr zahlungsfähig ist, sehen die schönen Papiere wie Nonvaleurs aus, und wenn man weiß, dass der amerikanische Kongress der US-Regierung fast jeden weiteren Kredit verweigert hätte, würde ich mit einem solchen Schuldschreiber etwas argwöhnischer umgehen…

Das tun sie wahrscheinlich auch! China hat anscheinend eine Gesamtstrategie im Kopf: In Zentralafrika tritt China verstärkt auf. Überall das gleiche Szenario: Einige Kaderköpfe aus China organisieren eine lokale Raubwirtschaft, stellen die einheimische Bevölkerung gerade so ein, wie es notwendig ist, ansonsten führen sie Chinesen ein, die schön diskret und abgeschirmt unter sich bleiben. Im Piräus jammern die Hafenarbeiter gerade darüber, das es dort ja “bloß noch für die Chinesen gibt”, für die einzig und alleine Profit gilt.

In China selbst sieht die Lage kaum besser aus: Ganze Industriereviere locken eine Bevölkerung an, die mangels Registrieungserlaubnis sich in diesem Gebiet halt illegal aufhalten, schwer kontrollierbaren sozialen Verhältnissen ausgesetzt werden (dass internationale Warenfirmen es schwer haben, für die Einhaltung ihrer Maßstäbe bei der Herstellung ihrer Waren in China zu sorgen!), das Ganze in einem großen Reich, wo die Partei nur mehr als strukturierte Korruptionseinrichtingung funktioniert und der Einzelmensch wie ein Rad am Getriebe angesehen wird (eben gute Tradition aus der mittelalterlichen “hydraulischen Gesellschaft”, wo ganze Arbeiterheere für die Regulierung der Flußbetten eingesetzt wurde, also kein Platz für individuelles Denken übrig blieb).

Dieses Modell lässt sich ja exportieren! Die Euro-Krise fällt genau zusammen mit einer abgrundtiefen Wertekrise: An unsere Türen klopft seit nunmehr dreißig Jahren eine Religion mit gesellschaftlicher Zielrichtung, in der Zweifel nicht geduldet, Individualität nicht akzeptiert und Autorität schier feudalistisch religiös verbrämt aufoktroyiert wird. Die Anhänger dieser sektiererischen Weltanschauung vermehren sich zurzeit, die Phase der Machtergreifung ist also noch nicht gekommen.

Es wäre daher Zeit, die nächste Zukunft darauf hin zu beobachten, ob die zwei Ideologien fatalerweise komplementär arbeiten können. Im islamisierten Zentralafrika verbuchen die Chinesen nämlich bereits viel Erfolg…